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Podcast: Jahresrückblick mit Prof. Pierre Ibisch

Der Biologe und Professor für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, Prof. Pierre Ibisch, erforscht seit Jahren das Ökosystem Wald und offenbart dessen zahlreiche Funktionen, die im Kampf gegen den Klimawandel eine enorme Bedeutung erlangen. Er kennt die deutschen Wälder wie kein zweiter. Am Ende eines außergewöhnlichen Jahres stellen sich Peter Wohlleben und Pierre Ibisch daher die Frage, wie es um den deutschen Wald steht und wagen gemeinsam einen Blick in die Zukunft. 

Pierre Ibisch: Ich konnte dieses Jahr viele Eindrücke von den Wäldern Deutschlands sammeln.  Wenn man den Wäldern erlaubt sich selbst zu stabilisieren und ihr eigenes Klima zu regulieren, dann sind sie trotz der Trockenheit noch ganz schön resistent.

Peter Wohlleben: Deine Forschungen zeigen, dass alte Laubwälder, die in Ruhe gelassen werden, erstaunlich robust durch die letzten drei Trockenjahre gekommen sind, im Gegensatz zu Wirtschaftswäldern. Viele konservative Förster werden bestimmt nicht gerade begeistert sein, wenn du ankündigst in ihren Wäldern forschen zu wollen. Muss man dich eigentlich in den Wald lassen?

Pierre Ibisch: Wir haben in Deutschland ja ein freies Betretungsrecht. Aber das Problem ist mir noch nicht untergekommen. Im Gegenteil, ich bin noch nie so oft gebeten worden mir den Wald anzuschauen wie dieses Jahr, auch von Förstern.

Peter Wohlleben: Das hätte ich so nicht gedacht. Aber es gibt natürlich auch viele gute Försterinnen und Förster. Wir kritisieren ja nur die Strukturen und nicht einzelne Personen. 

Pierre Ibisch: Genau, uns geht es um den Wald. Es gibt Försterinnen und Förster, die durch Strukturen und Vorgaben zu einem bestimmten Handeln gezwungen werden, die allerdings etwas ändern möchten und sich fragen, wie das möglich werden kann.

Peter Wohlleben: Am besten durch in Ruhe lassen und zugucken, oder?

Pierre Ibisch: Ja, alte Laubwälder in Deutschland sind verdammt selten und verdammt klein. Dort sollte sofort ein Einschlagsstopp gelten. Wir müssen auf die Bremse treten!

Peter Wohlleben: Zuletzt habe ich eine Prognose gelesen, die besagt, dass der Peak des Holzes, das durch den Borkenkäfer angefallen ist, 2020 erreicht wäre und es danach wieder besser werden würde. Dazu müsste man ja das Wetter in den Folgejahren kennen. Was meinst du dazu?

In meiner Kristallkugel kann ich nicht herauslesen, dass das Problem des Fichtensterbens in den nächsten Jahren vorbei sein soll.

Pierre Ibisch

Pierre Ibisch: Schon im Rekordsommer 2018 habe ich die warnende Frage gestellt, was sein wird, wenn das Wetter zukünftig so heiß und trocken bleibt. Das wurde sogar von vielen Naturschützern als Wetterextrem abgetan. Der Klimawandel hat uns gelehrt, dass wir ihn unterschätzen. In meiner Kristallkugel kann ich nicht herauslesen, dass das Problem des Fichtensterbens in den nächsten Jahren vorbei sein soll. 

Peter Wohlleben: Von Försterinnen und Förstern wird ja eigentlich erwartet, dass sie für die nachfolgenden Generationen planen. Hast du eine Erklärung, warum man im Moment nicht einmal fünf Jahre im Voraus plant, weil die momentane Art der Forstwirtschaft dann zu Ende sein wird?

Das Prinzip der Vorsichtigkeit und Vorsorge müsste gelten!

Pierre Ibisch

Pierre Ibisch: Es kann natürlich extrem verstörend sein, wenn man unter Heranziehung sämtlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse und aller denkbarer Szenarien versucht in die Zukunft zu schauen. Die logische Reaktion ist dann zu denken, dass schon alles gut werden wird. Der momentane Aktionismus ist allerdings auch keine gute Reaktion. Man glaubt im Zuge des Klimawandels den Wald so bauen zu können, wie man ihn schon immer haben wollte, mit schnell wachsenden Arten und irgendwelchen Nadelbäumen aus aller Welt. Das führt dazu, dass noch funktionierende Buchenwälder geschwächt werden. Ich habe Verständnis dafür, dass wir verunsichert sind, aber eigentlich müssten wir dann erstmal innehalten und nicht etwas tun, was wir in 5 oder 10 Jahren zutiefst bereuen.

Man glaubt jetzt häufig, dass man schlauer ist als die Natur.

Pierre Ibisch

Peter Wohlleben: Angenommen wir hätten einen alten Buchenwald, der so groß wäre wie ein ganzes Bundesland. Was glaubst du, was ein solcher Wald alles aushalten könnte?

Pierre Ibisch: Dinge, die uns intuitiv klar sind, beispielsweise, dass es an einem heißen Tag im Wald kühl ist, können wir jetzt auch wissenschaftlich untermauern. Große Waldgebiete sind 10-12 Grad kühler als das umgebene Offenland. Wenn die Waldfläche also größer wäre, wäre die ganze Landschaft kühler. Das Beste, was wir tun können ist cool bleiben. Und das geht mit Wald. 

Das Beste, was wir tun können ist cool bleiben!

Pierre Ibisch

Peter Wohlleben: Dann frage ich mal ketzerisch aus der Sicht der konventionellen Forstwirtschaft: Wo kommt denn dann das Holz her?

Pierre Ibisch: Es gibt ein paar Schrauben, an denen wir sofort drehen können. 50% des Holzes wird verbrannt. Verbrennen geht gar nicht! Dann müssen wir ran an unseren Lifestyle und die Gewohnheit, so viele kurzlebige Holzprodukte zu nutzen. Der erste Ansatz ist also den Holzkonsum zu hinterfragen und zu reduzieren. Es fällt uns leichter darüber zu reden, wenn wir die anderen Leistungen und Funktionen des Waldes erkennen und die Möglichkeit besteht damit Geld zu verdienen. Zum Beispiel mit einer Art Kühlungsprämie.

Die Frage, wie oft wir unsere Möbel tauschen wird zukünftig wohl nicht mehr so wichtig sein, wie die Frage nach Hitze und Trockenheit.

Peter Wohlleben

Peter Wohlleben: Wie würdest du das Jahr 2050 in Deutschland waldpolitisch und aus Sicht des Waldes sehen?

Pierre Ibisch: Wo sich Wald befindet wird er deutlich anders aussehen als heute. Man hat eingesehen, dass es richtig ist dem Ökosystem stärker die Regie zu überlassen und dass die Wälder dort stabiler und kühler sind, wo mehr Biomasse enthalten ist. Man hat sich durchgerungen diese Wälder unter Schutz zu stellen und verstanden, dass sie wichtige Leistungen erbringen. Es wird keine großen Kahlschläge und ausgeräumte Landschaften mehr geben, da man mit mehr Biomasse in der Landschaft versucht der Austrocknung und Erhitzung entgegenzuwirken.

Letztendlich ist Naturschutz ja Menschenschutz!

Pierre Ibisch

Peter Wohlleben: Die Frage, ob wir eine lebenswerte Zukunft vor uns haben ängstigt ja viele Menschen. Daher ist dein Ausblick ein schöner, wenn auch anstrengender, da wir jetzt endlich alle aktiv werden müssen. In 2021 ist die Bundestagswahl. Ich bin optimistisch, dass wir vielleicht schon kommenden Winter erste Entscheidungen haben, die diese Richtung vorgeben.

Das ganze Gespräch von Prof. Pierre Ibisch und Peter Wohlleben können Sie in der aktuellen Podcast Folge „Peter und der Wald – Der Jahresrückblick 2020″ hören.

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