fbpx

Nachhaltigkeit – eine Fata Morgana

Ich frage bei meinen Waldführungen gerne, was sich die Gäste unter Nachhaltigkeit vorstellen. Besonders die Antwort von Managern interessiert mich, denn in der Werbung taucht der Begriff häufig auf. Und in den meisten Fällen fängt dann die Herumdruckserei an. Das ist auch kein Wunder, denn Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit menschlichem Handeln gibt es gar nicht. Aber der Reihe nach.

Ursprung des Nachhaltigkeitsbegriffs

Der erste, der den Begriff der Nachhaltigkeit in den Mund bzw. die Schreibfeder nahm, war der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz. Ihn trieb die Sorge um, nicht genug Holz zum Abstützen der Stollen zu haben. Also formulierte er, dass nicht mehr Holz in den Wäldern eingeschlagen werden solle, als nachwächst. Das war vernünftig und wurde zum festen Prinzip der Forstwirtschaft. Man teilte den Wald in Felder ein und kontrollierte ihn so: Bei Fichten etwa, nach 100 Jahren erntereif, braucht man 100 Parzellen. Wenn nun jedes Jahr eine davon kahlgeschlagen wird und danach wieder aufgeforstet, dann handelt man zu 100% nachhaltig. Denn in Zukunft kann man das Gleiche wiederholen, ohne jemals Gefahr zu laufen, kein Holz mehr zu haben. Und kontrollieren lässt sich solch eine Art von Forstwirtschaft ebenfalls bestens, denn die Förster brauchen ja nur die Felder zu zählen und zu schauen, ob nicht zwei statt einem abgeholzt wurden. Doch im Zuge dieser geregelten Forstwirtschaft verödeten die Wäl-der und verkamen zu Plantagen. Die Sorge um die Nachhaltigkeit hatte sie zu monoto-nen grünen Wüsten werden lassen. Hauptbaumarten wurden Nadelhölzer, Geschöpfe der nördlichen Taigawälder, die es bei uns größtenteils von Natur aus nicht gibt. In ihrem Schlepptau tauchten Arten auf, die hier ebenfalls nicht heimisch waren, wie etwa die hügelbauenden Waldameisen. Sie hat es in den Lauburwäldern Mitteleuropas nie gegeben – oder haben Sie schon einmal einen Ameisenhaufen aus Blättern gesehen?

Wir sind also bei »nachhaltigen« Nadelholzplantagen angekommen, die mittlerweile über 50% der deutschen Wälder einnehmen. Sie erfüllen die Mengennachhaltigkeit perfekt – doch tut dies nicht jedes Maisfeld? Auch hier wird jedes Jahr die gleiche Menge geerntet, auch hier wächst Jahr für Jahr neuer Nachschub. Dass dies wenig mit um-weltschonender Wirtschaft zu tun hat, wird rasch klar. Daher muss Nachhaltigkeit anders formuliert werden. Heute, nach 300 Jahren versteht man außerhalb der Forstwirtschaft darunter den Erhalt des Ökosystems und seine Weitergabe an die nächste Generation in der gleichen Leistungsfähigkeit und Artenausstattung. So wird nicht nur die Menge, sondern auch die ökologische Qualität umfassend berücksichtigt. Und weil Nachhaltigkeit nun so formuliert wird, wie sie intuitiv viele Laien verstehen, ist sie nicht mehr erreichbar.

Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft

Dazu ein Beispiel aus der Forstwirtschaft: Um Holz zu ernten, werden schwere Maschinen eingesetzt. Ihre Namen wie »Hannibal« oder »Königstiger« unterstreichen, dass sie mit bis zu 70 Tonnen Gewicht wie ein Panzer durch den Wald rollen. Unter ihren Rädern wird der empfindliche Waldboden innerhalb von Sekunden in bis zu zwei Meter Tiefe zusammengedrückt. Die Poren verschwinden und mit ihnen der Sauerstoff. Dadurch ersticken fast sämtliche Bodenbewohner, kleine Tiere, die so etwas wie das Bodenplankton und damit den Ausgang der Nahrungskette des Waldes bilden. Zudem speichert das Erdreich kaum noch Wasser, sodass die Bäume im Sommer fast verdursten. Das schädigt sie nicht nur, sondern führt im Bereich der Fahrspuren zu einem Rückgang der Holzproduktion von bis zu 40%. Der Holzzuwachs bedeutet die Verzinsung des Waldes. Dauerhaft solche Zinsverluste hinzunehmen kann nicht die richtige Entscheidung sein. Und es wird noch schlimmer: Die so beschädigten Böden regenerieren sich nach Aussagen von Geologen praktisch nicht mehr – oder erst nach der nächsten Eiszeit, was für menschliche Zeitmaßstäbe auf dasselbe hinausläuft. Und nun? Sollen wir kein Holz mehr nutzen?

Pferderücker bei der Arbeit
Pferde statt schwere Maschinen: Eine Bodenschonende Alternative (Foto:Norbert Schmidt)

Es gibt Alternativen, die einen guten Kompromiss darstellen. Ersetzt man nach und nach die fremden Nadelhölzer durch heimische Laubbäume wie Buche und Eiche, so sind wir schon einen wichtigen Schritt weiter. Setzt man nun noch Waldarbeiter und Pferde statt schwerem Gerät ein, so ist auch für den Boden gesorgt. Pferdehufe von schweren Kaltblütern verursachen nur punktuelle Schäden, und da die Tiere bei der Arbeit nicht vibrieren, werden auch nur die oberen Zentimeter eingedrückt, was der nächste Frost durch Bodendehnung wieder behebt. Der Clou: Zuwachsverluste durch Bodenzerstörung gibt es nicht. Dieser Vorteil erlaubt es, ein wenig teurer in der Holzern-te zu sein und ein vermeintlich antiquiertes Verfahren einzusetzen. Hinzu kommt ein Imagegewinn, der nicht zu unterschätzen ist. Richtig nachhaltig sind selbst solche Me-thoden nicht, weil jeder Eingriff in die Natur dauerhafte Veränderungen im Ökosystem erzeugt, allerdings ist das Ausmaß erheblich geringer.

Günstiger und besser

Bei der Pflanzung neuer Waldkulturen geht es mit der Natur sogar noch günstiger. Konventionelle Betriebe kaufen kleine Bäumchen in Baumschulen. Dort werden sie mit Düngemitteln gepäppelt und ihre Wurzeln beschnitten, um große und dennoch handlich zu pflanzende Ware zu erzeugen. Doch dieser Schnitt verursacht dauerhafte Schäden mit der Folge, dass die Bäume später nur flach wurzeln. Im Alter von 50 Jahren (keiner denkt jetzt mehr an die Pflanzung) kippen solche Bäume im Sturm um und verursachen ein betriebswirtschaftliches Desaster. Tausende andere Waldbesitzer haben nun gleichzeitig ein ähnliches Problem, weil ein massives Überangebot an Sturmholz am Markt mit entsprechendem Preisverfall entsteht.

Die bessere Methode: Setzen Sie den Eichelhäher ein! Dieser Vogel versteckt im Herbst bis zu zehntausend Eicheln und Bucheckern im Boden, um einen ausreichenden Wintervorrat zu haben. Er braucht zwar nur rund 1.800 Stück, ist aber ein Sicherheits-fanatiker und liebt übergroße Reserven. Wenn nun der Forstbetrieb statt Laubbaum-pflanzungen Holzkisten mit Baumsamen aufstellt, dann bedient sich der Vogel draus und versteckt sie im Umfeld. Im Frühling keimen dann tausende Laubbäume mit unbe-schädigter Wurzel, da sie nicht gepflanzt wurden, sondern sich vollkommen natürlich entwickeln. Daraus entstehen stabile Wälder, denen der Sturm kaum etwas anhaben kann. Und das Beste: Statt 10.000 Euro bei einer Pflanzung kostet so ein Hektar neuen Waldes nur 20 Euro pro Hektar – das ist der Betrag, der für das Sammeln von Eicheln und Bucheckern fällig wird.

Ich nenne dies das »Eichelhäherprinzip«: das Wirtschaften mit der Natur. Die Ausnutzung natürlicher Prozesse und die Rücksichtnahme auf das Ökosystem erzeugt höhere Renditen bei gleichzeitiger Schonung der Umwelt und Verbesserung des Images. Rückepferde und Eichelhäher gibt es in jeder Firma. Sie verstecken sich gut und sehen unterschiedlich aus, heißen vielleicht Recyclingpapier, Solarzellen oder Mitarbeitersensibilisierung, doch sie schlummern als Verbesserungspotential in diesem Sinne auch bei Ihnen. Und wenn Sie dann noch den Begriff »Nachhaltig« durch »umweltschonend« ersetzen, wird nicht nur die Natur, sondern auch Ihre Kundschaft begeistert sein.

Ähnliche Artikel

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  1. Holzrücken muss wieder ein Thema werden. Und es ist so eine tolle Arbeit mit den Tieren im Wald. Viele Männer hätten sicher Spaß daran. Aber zuerst muss dieses “Zeit ist Geld” – Denken aus den Köpfen der Menschen gepustet werden. Am besten mit frischer Luft im Wald.